Unter dem Motto „THINK TECH FORWARD“ präsentierten Industrie und Wissenschaft auf der Hannover Messe vom 20.-24.04.2026 zukunftsweisende Lösungen für eine digitale und nachhaltige industrielle Wertschöpfung. Am Gemeinschaftsstand der Plattform Industrie 4.0 stellten führende Projekte Ihre Lösungen für sogenannte Daten-Ökosysteme vor, Systeme, in denen Unternehmen Daten teilen und mit diesen Daten innovative Produkte anbieten. Zu den vorgestellten Highlights gehörte das Forschungsprojekt „Decide4ECO“, welches die Universität Paderborn mit Partnern aus der Industrie umsetzt.
Im Projekt „Decide4ECO“, vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) mit 7,3 Millionen Euro gefördert, dreht sich alles um die akute Notwendigkeit, Nachhaltigkeitsziele schon in der frühen Produktentwicklung zu berücksichtigen. In dem Projekt werden Lösungen geschaffen, welche Unternehmen dabei unterstützen, Entscheidungen vorausschauend und nachhaltigkeitsgerecht zu treffen. Wird beispielsweise eine Kofferraumabdeckung im Auto mit einem Motor angetrieben, ist im Gegensatz zu einer handbetriebenen Abdeckung ein Energieverbrauch später nicht mehr zu vermeiden. Oder wenn das Gehäuse eines Kopfhörers oder eines Hörgeräts verschweißt wird, lassen sich später Batterien nur noch mit großem Aufwand wechseln. Ein besonderer Fokus liegt auf den dafür notwendigen Daten. Für umfassende Nachhaltigkeitsanalysen müssen Daten aus der gesamten Lieferkette zusammengeführt werden. Wer liefert den Motor, und an welchem Standort wird er eingebaut? Wie viel Energie benötigt er? Kann er notfalls repariert werden? Wer liefert das Kunststoffgranulat für das Gehäuse, und an welchem Standort wird es zur Komponente verarbeitet?
Decide4ECO liefert eines der ersten Beispiele für den großen Mehrwert, den das gemeinsame Daten-Ökosystem Manufacturing-X zukünftig liefert. Über offene Schnittstellen und Standards werden Informationen in Form von digitalen Produktpässen bereitgestellt und durch Werte aus Nachhaltigkeitsdatenbanken vervollständigt. „In vielen Fällen ist das gar nicht komplett neu – aber wir verbinden Technologien so, dass Nachhaltigkeitsnachweise einfach aus den Daten resultieren, statt sie mit großem Aufwand einsammeln zu müssen.“, so Prof. Dr.-Ing. Iris Gräßler vom Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn.
Auf der Hannover Messe demonstrierten die Verbundpartner des Forschungsprojekts Decide4ECO die Weiterentwicklung ihrer digitalen Lösungen. Im Fokus stand die Anbindung von sogenannten Product Lifecycle Management-Systemen, kurz „PLM“, an Daten-Ökosysteme. Entwicklerinnen und Entwickler nutzen hier eine digital gestützte Materialbewertung, um die ökologische Bilanz eines Produkts in der Entstehungsphase besser nachzuvollziehen und gezielt zu optimieren. Dr. Karsten Anger vom Hövelhofer Unternehmen Hadi-Plast betont: „CO2-Fußabdruck, Reparierbarkeit, Anteil rezyklierter Materialien – solche Nachhaltigkeitskriterien können dann bereits im Beschaffungsprozess berücksichtigt werden.“ So wird die Auswahl von Zulieferern erleichtert, die sowohl den wirtschaftlichen als auch den ökologischen Anforderungen entsprechen und Unternehmen wie Hadi-Plast können sich damit profilieren. Diese erweiterten Funktionalitäten basieren auf Daten aus der gesamten Wertschöpfungskette. Mithilfe standardisierter Schnittstellen werden Rückverfolgbarkeit und Interaktion von Nachhaltigkeitsdaten entlang des gesamten Produktlebenszyklus ermöglicht.
Ein weiterer Mehrwert von Decide4ECO ist der zielgerichtete Datenaustausch über verschiedene Systeme hinweg. Funktionen wie der Digitale Produktpass, die Berechnung von Nachhaltigkeit und die Bewertung der Datenqualität wurden in die PLM-Werkzeuge integriert. Die technologische Weiterentwicklung der PLM-Systeme wird von den IT-Partnern CONTACT, PROSTEP und NEXPIRIT in Zusammenarbeit mit der Fachgruppe “Produktentstehung” am Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn vorangetrieben. Gemeinsam werden neue Implementierungen für PLM-Systeme wie CONTACT Elements und Siemens Teamcenter konzipiert. Die entwickelten Lösungen wurden in anwendungsnahen Fallbeispielen bei den Industriepartnern BOS, Hadi-Plast und Sennheiser erprobt.
Das Paderborner Team trägt dazu bei, die nachhaltige Transformation voranzutreiben – ganz gezielt auf die praktischen Herausforderungen in Unternehmen hin. Dabei liegt der Fokus auf der Entwicklung innovativer Ansätze, um flexible und nachhaltige Wertschöpfungsnetzwerke zu schaffen. Das lässt sich im Institut erleben: „In unserem Labor zeigen wir die Kombination von Entwicklungs- und Produktionsdaten. Reale Maschinendaten werden in der Laborumgebung aufgenommen und anschließend in einen Digitalen Produktpass eingebettet. Diese gemessenen Daten ergänzen Emissionswerte aus Nachhaltigkeitsdatenbanken und Produktdaten aus PLM-Systemen, um die Qualität der Berechnungsergebnisse zu erhöhen.“, beschreibt Sven Rarbach als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter den eigenen Demonstrator. Die Berechnung greift auf erarbeitete Algorithmen für die flexible Nachhaltigkeitsbewertung zurück. Diese Kennzahlen werden den Endnutzerinnen und -nutzern über einen QR-Code am Bauteil bereitgestellt. So wird der Digitale Produktpass von der Entstehung bis zur Nutzung erlebbar.
Die Universität Paderborn bringt Decide4ECO-Ergebnisse in das nationale Steuergremium von Manufacturing-X ein, gestaltet auch die Schnittstelle zu Catena-X in der Automobilindustrie mit. Die im Projekt entwickelten Lösungen und Methoden werden weiterhin in der industriellen Praxis erprobt und stetig verbessert. Anwendungspartner nutzen die innovativen Ansätze, um ihre Produkte nachhaltiger zu gestalten und langfristig an Datenökosystemen wie Manufacturing-X teilzunehmen. Zusätzlich fließen die Forschungsergebnisse in die Lehre des Heinz Nixdorf Instituts – ein Beispiel, wie letztlich auch Studierende von praxisorientierter Forschung im Maschinenbau profitieren.
Mehr Informationen zu dem Projekt gibt es hier.